HOMEPAGE DES THEATER THIKWA UND DER THEATER-WERKSTATT THIKWA
 
 
Christiane Frettlöh März 2008
Von der Schwerkraft und ihrer Aufhebung durch ENGELSSPUREN Beflügelndes Tanztheater von THIKWA
Sie kommen noch immer
Durch den aufgebrochenen Himmel
Die friedlichen Schwingen ausgebreitet,
und ihre himmlische Musik
schwebt über der ganzen müden Welt
(William Shakespeare in: Sommernachtstraum)
Nicht nur in Shakespeares Sommernachtstraum, auch im Theater Thikwa wird diese höhere Wirklichkeit erlebbar: in der von dem Choreographen und Tänzer Alessio Trevisani eingerichteten Tanz-performance ENGELSSPUREN, die zugleich eine verspielte leichtfüßige Collage von himmlischen Botschaften auf sehr unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen ist. Neben und mit den sieben Ensemblemitgliedern tanzen Trevisani und seine Kollegin Linda Weissig ( in hinreißenden Pas de deux zum Engelsduett) als Profis, was zu reizvollen Kontrapunkten führt.
Schauen, Hören, ja auch Lauschen und (nicht nur haptisches) Fühlen des Zuschauers werden beflügelt, wenn er sich einlässt auf die schwebende alle Sinne ansprechende Art der Darstellung dieser Inszenierung in Tanz, Theater und Filmprojektion. Eine Synästhesie, der die äußerst fein-sinnig ausgewählte Musik vom Vogelzwitschern über ein Vivaldi-Rezitativ bis zu Carmen Consolis melancholischem „Je suis venue te dire que je m’en vais“ im playback, aber auch in den Engelsgesängen der Schauspieler, den (atmo)sphärischen Klangraum erschafft. Dass diese Aufführung ein nicht nur inneres Kraftzentrum trägt, wird schon im sparsamen, aber umso wirkungsvolleren Bühnenbild sichtbar: Eine Spirale auf dem Boden – sie entsteht, wie ein Zengarten mit Steinen nachgezeichnet, als work in progress während des Tanzens und Spielens – ist Markierung für die Choreographie der vielfältigen Bewegungsabläufe und sinnhafte Mitte in einem.
Am vorderen Bühnenrand erstreckt sich, als imaginäre Rampe, ein graues Vlies, auf dem sich ein Fries von Kohlezeichnungen entfaltet: die Darstellungen von Engeln, wie sie die Schauspieler (sie alle arbeiten bei Thikwa ja auch als bildende Künstler) im Kontext der Proben von ENGELSSPUREN zu Papier gebracht haben. Die weiße hintere Wand ist zugleich Projektionsfläche. Durch einen raumhohen Vorhang treten die überirdischen Wesen ein in die Sphäre der Bühne.

Und dies geschieht im Entrée auf atemberaubende Weise:
Der gewichtige Peter Pankow, seinen Flugbewegungen nachspürend, tritt als erster auf und verlässt auch als letzter die Position im Mittelpunkt der Spirale, gefolgt von Tim Petersen. Dann Jonny Chambilla, Träger einer Rose, die er später seiner Angebeteten, der ausdrucksstarken Sabrina Braemer, überreichen und sie von ihrer Last, einer Tasche, befreien wird. Linda Weissig erkundet die Spann-weite ihrer Flügel und nimmt nach einer klassischen Ballerinapose wie die anderen ihren Platz auf dem erleuchteten Engelbilderfries ein. Sie alle hockend, mit dem Rücken zum Publikum. Dann die Enthüllung und zugleich intime Botschaft: Alle sieben Schauspieler entblößen ihre Rückenpartien, jede trägt einen Buchstaben.
So erscheint auf ihrer Haut die Aufforderung TOUCH ME !
Wie sie schwebend einander berühren und ihre Körper (mal als Paare, mal als lebende Bilder, an Tableaus aus dem Barock erinnernd) zueinander sprechen, um dann wieder in ihrer ätherischen Einzigartigkeit aufzuleuchten, lässt erahnen, dass sie zwischen den Welten, zwischen Himmel und Erde beheimatet sind.
Solch eine Fülle dichter und der Schwerkraft entrückter Momente hat diese Inszenierung bis hin zum Schlussbild, zu dem man Pablo Neruda seine „Ode an einen glückhaften Tag“ im O-Ton lesen hört, dass hier nur einige benannt seien.

Allein die fließenden Wechsel der Paarungen von gerade wegen ihrer sehr unterschiedlichen Expressivität Einzigartigen gegenüber den schwebenden Gruppierungen als Gruppe, das Sichtbar- und Hörbarwerden von Glückserfahrungen (etwa wenn Sabrina Braemer die Tremoli der Arie mit einem fast kindlichen Hüpfer erwidert) oder die Spur der Steine, die, von den Darstellern auf der Bühne verteilt, sich im mittleren zentralen Passus wie im Spiel fügen zu einer Spirale, sind intensive Bild- und Körpermitteilungen. Viele der im Tanz sich bildenden luftigen Konfigurationen werden zudem als überirdische Schattenspiele auf den Wänden sichtbar. Schwerelosigkeit. Zugleich ist in diese Montage ein Film eingebettet, in dem Jonny Chambilla, eine menschengroße Mohnblume mit sich führend, verschiedene Berliner Orte erkundet. Das Bild der Mohnblüte in ihrer filigranen Schönheit erscheint als Leitmotiv immer wieder auf der Projektionswand.
Dass die Aufführung nicht nur den Darstellern ein himmlisches Vergnügen bereitet hat, lässt sich am Schlussapplaus ermessen.
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Spielplan F40


F40 ist die gemeinsame Spielstätte von ENGLISH THEATRE BERLIN und THEATER THIKWA

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