HOMEPAGE DES THEATER THIKWA UND DER THEATER-WERKSTATT THIKWA
 
 
Von Christiane Frettlöh 8.4.2008
Mund aus Papier: Stummes Schrei(b)en im Abseits
In dem von "enfant terrible", dem Mitglied einer Webcommunity von Autisten, formulierten "Vorschlag für Regeln für Nicht-Autistinnen, die über Autistinnen oder Autismus schreiben", lautet das erste Gebot: "Nähern Sie sich Ihrem Thema mit einem Gefühl der Demut: Sie sind nicht die Experten für Autistinnen oder Autismus."

Eine Forderung an die Kritikerin, die ungewohnt und ihr dennoch höchst verständlich ist. Denn als Zuschauerin von MUND AUS PAPIER des Theaters THIKWA - und zugleich Mutter eines Sohnes, der seine Sprache verlor - maßt sie, die sich immer als Dolmetscherin dieses Sohnes verstanden hat , sich nicht an, die von Patricia Schulz und Almut Lücke-Mündörfer eindringlich gestaltete Textperfomance nach den üblichen Regeln der Kunst zu bewerten.

Es ist eher ein vorsichtiger Übersetzungsversuch dessen, was auf der Bühne - wiederum gedolmetscht in Gebärde und geliehenem Wort - über die Innenwelt dieser in sich Zurückgezogenen und nur im stummen Schrei(b)en Hervortretenden vermittelt wird: Tagebucheinträge und Briefe scheinbar verrückter und von Experten hilflos als Autisten befundeter junger Männer: Birger Sellin, der von sich sagt "Ich bin ein Irrer mit Verstand", verlor durch eine Gehirnhautentzündung mit zwei Jahren seine Sprache und erwachte mit siebzehn aus seiner Abkapselung: als ‚anders begabter' Schriftsteller. Mittels computergestützter Kommunikation teilte er mit: "Ich will kein inmich mehr sein" (als Buch 1993 unter eben diesem Titel erschienen).

Der hochbegabte ungarische Jugendliche Zoltán Zemlényi überlebte mit fünfzehn einen Autounfall und durchbrach - vollständig gelähmt und der Sprache beraubt - die innere Verwüstung seines Schädelhirntraumas durch Schreiben. Seine Texte sind selbstironisch und luzide. In seinem Wiederaneignungsprozess der Sprache verweigert er sich immer wieder den üblichen therapeutischen Dressuren, etwa der logopädischen Therapie. "Ohne Sprechen kein Leben. Das habe ich schon immer gewusst ... Sprechen können bedeutet Glück. Wer sprechen kann und nicht spricht, ist ein Idiot ... Wenn es einen lieben Gott gäbe, würde ich sagen, dass das Sprechen Gottes Geschenk ist. Ein Geschenk, das ich jetzt, vorübergehend, nur von außen betrachten kann."

Dietmar Zöller schließlich, ein "klassischer" Autist, symbiotisch verbunden mit seiner Mutter, die ihm Portal zur Welt ist, tritt heraus aus seiner Stummheit durch Briefe, die er mit Hilfe eines Schreibcomputers verfasst. Ein Wagnis, ihre Texte im Theater zu Gehör und Anschauung zu bringen - und eine Herausforderung an das Publikum! Hier findet ein mehrfacher Integrationsprozess statt.
Zwei behinderte weibliche Schauspieler transponieren die filigranen und (!) wuchtigen Mitteilungen von ganz anders als sie selbst eingeschränkten jungen Männern, ein "gesunder" Regisseur bietet die Ergebnisse dieses Dolmetschens "normalen" Zuschauern an. Die Texte an sich sind literaturverdächtig, wenn auch bisher viel zu wenig gewürdigt und finden nun einen Ort! Übliche Theatergänger würden es wohl kaum ertragen, die Notate dieser Eingekerkerten als monolithischen Block präsentiert zu bekommen. So sind denn die körpersprachlichen Intermezzi, die der Regisseur Gerd Hartmann zwischen die Lesepassagen setzt, eine Übersetzungshilfe und Brücke zwischen den disparaten Welten. Schon das Entrée bedient sich dieser nichtsprachlichen Mittel.
In völliger Stille und im Halbdunkel nähern sich die beiden Frauen mit dem Rücken zum Publikum ihrem Spielort, als eine Art Soundattack (musikalische Metapher für den im Innern implodierenden Schrei), die Luft zerreißt.

Auf diesen akustischen Schock reagieren die Darstellerinnen mit einer Art Abwehr-Karate, dann Selbstvergewisserung im Sich-Selbst-Umarmen, gefolgt von Bewegungen, die als Stereotypen autistischer Menschen bezeichnet werden könnten und zugleich Motorikübungen zur Wiedererlangung der Körperkontrolle sind. Der eine schon kraftvollere Arm führt den erlahmten mit schier endloser Geduldigkeit. Andere (neurologische und zutiefst menschliche) Fähigkeiten werden erprobt: das Buchstabieren und das Umsetzen der Buchstaben in Worte als erste Ansätze zum Sprechen.

Dies mündet in den ersten Lesebeitrag, eine Tagebuchnotiz von Birger Sellin. Der Autor fragt sich, ob er Leute für verrückt erklären dürfe (etwas, was ihm ja oft widerfährt und ihn in den Strudel des Ausgeschlossenseins katapultiert), um nicht lieben zu müssen. In dem Wechsel von Mitteilungen über die Ebenen Sprache und andererseits der Körper gelingen dieser Textperformance sehr dichte eindrückliche Momente, die das Befremden und die Erschütterung, die die Texte erzwingen, im fast kathartischen Sinn auflösen. Der Präsenz und großen Modulationsfähigkeit der Schauspielerinnen (besonders berührend: Patricia Schulz) ist es zu verdanken, dass an diesem Abend neben dem erkennenden Lachen nicht nur selbst Betroffener Szenenapplaus gegeben wird.

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